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Kapitel № 18 · 1964 – present

Das abgelassene Schwimmbecken

Amerika entscheidet sich immer wieder für nichts statt für etwas, das es teilen müsste.

MontgomeryPool filled with dirt, 1959Prince Edward CountySchools shut, 1959–64BerkeleyTuition arrives, 1970Attica1971 — 43 deadWashingtonThe 100-to-1 disparity, 1986ChicagoRedlined, on federal mapsFlintThe water, 2014The Black BeltWhere the exclusions were priced1 000 kmN
Atlas Wo es geschah. The image this chapter is built on is literal. Montgomery closed its entire parks and recreation department in 1959 rather than integrate: the pool was filled in, the zoo animals sold, the parks shut for years. Prince Edward County shut its whole public school system for five years. Berkeley is where free public higher education ended, at the exact moment it was opening to Black students, to women and to the working class. Flint is what a country looks like when it has been choosing nothing over something shared for sixty years.
Chronologie

Wann es geschah

  1. 1935 Social Security excludes agricultural and domestic workers A category covering roughly two-thirds of Black workers. The exclusion was the price of Southern Democratic votes.
  2. 1944 The GI Bill Formally colour-blind, administered locally. Black veterans steered away from universities and denied the mortgages that built the white middle class.
  3. 1945–48 Truman’s national health insurance dies In committees chaired by Southern Democrats, for whom federal hospital funding meant federal desegregation of hospitals.
  4. 1959 Montgomery drains the pool And Prince Edward County shuts its public schools. Black children there lost up to five years of education.
  5. 1965 Medicare desegregates the hospitals Almost overnight, which shows both what was at stake and what was possible.
  6. 1970 California starts charging Reagan’s own education adviser: we are in danger of producing an educated proletariat, and have to be selective about who goes through higher education.
  7. 1971 Attica At the start of the era in which American incarceration multiplied more than fourfold.
  8. 1980 Half a million in prison and jail By the peak, around 2.3 million, the highest rate in the world, with no precedent in American history.
  9. 1986 The Anti-Drug Abuse Act Five grams of crack and five hundred of powder draw the same five years. They are pharmacologically the same drug.
  10. September 2001 "Crusade" Walked back by staff within days, and received in the Muslim world exactly as one would expect.
  11. 2003 Iraq Several hundred thousand dead at minimum, and trillions of dollars, while at home the same coalition held that universal healthcare was unaffordable.
  12. 2010 The ratio reduced to 18-to-1 A reduction, not an abolition, twenty-four years later.
  13. 2014 Flint A country that will not fix its own drinking water, spending its public imagination on crusades abroad.
A hierarchy will pay real costs to preserve its position, and the people at the bottom of the favoured side of it pay some of them. That is what the drained pool demonstrates: the white residents of Montgomery lost their pool too.

Markierte Begriffe tragen eine kurze Erklärung: mit der Maus darüberfahren oder auf dem Touchscreen antippen.

„Wir laufen Gefahr, ein gebildetes Proletariat hervorzubringen. Das ist Dynamit! Wir müssen auswählen, wen wir zur höheren Bildung zulassen.“

— Roger A. Freeman, Berater von Gouverneur Ronald Reagan, zitiert im San Francisco Chronicle, Oktober 1970

In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts errichteten die Vereinigten Staaten eines der größten Netze öffentlicher Schwimmbäder der Welt: großzügig, kostenlos oder nahezu kostenlos, mit Platz für Tausende. Sie waren Denkmäler dessen, was öffentliches Geld vermochte.

Dann ordneten die Gerichte ihre Aufhebung der Rassentrennung an. Und in einer Stadt nach der anderen bestand die Antwort nicht darin, sie zu teilen. Sie bestand darin, sie leerzupumpen, mit Erde zu füllen und zu überbauen. In Montgomery, Alabama, schloss die Stadt 1959 lieber ihr gesamtes Park- und Erholungsamt, als die Trennung aufzuheben: Das Bad wurde zugeschüttet, die Zootiere wurden verkauft, und die Parks blieben jahrelang geschlossen.

Heather McGhee baut ein Buch um dieses Bild herum, und dieses Kapitel entleiht es sich, denn es ist die knappste Fassung eines Arguments, dessen Entfaltung sonst lange dauert: Amerika entscheidet sich immer wieder für nichts statt für etwas, das es teilen müsste, und der entstehende Mangel trifft alle, einschließlich der weißen Mehrheit, die dafür gestimmt hat.1

Montgomery war das Muster in seiner reinsten Form, aber nicht seine erste Aufführung. In St. Louis dauerte die Ära des Teilens einen Nachmittag. Als die Stadt im Juni 1949 das riesige Bad im Fairground Park, eines der größten der Welt, für schwarze Schwimmer öffnete, wuchs eine weiße Menge im Laufe des Tages zu einem Mob an, der schwarze Badegäste und Passanten mit Schlägern und Ziegelsteinen durch die umliegenden Straßen jagte. Die Stadt trennte das Bad am nächsten Morgen im Namen der öffentlichen Ordnung wieder; ein Bundesgericht öffnete es im folgenden Sommer für alle; der weiße Zulauf brach zusammen, und binnen weniger Jahre wurde das große Bad geschlossen und abgerissen. Niemand schwamm.2

Und als das Manöver schließlich den Obersten Gerichtshof erreichte, wurde es gebilligt. Jackson, Mississippi, angewiesen, seine fünf öffentlichen Bäder zu integrieren, schloss vier und überließ das fünfte dem YMCA, der es für Weiße betrieb. In Palmer v. Thompson (1971) befanden fünf Richter, eine Stadt, die ihre Bäder für alle leert, verweigere niemandem den gleichen Schutz der Gesetze: Es gebe kein verfassungsmäßiges Recht zu schwimmen, und ein geteilter Entzug sei kein Schaden, den das Recht erkennen könne. So ausgelegt, verbot die Verfassung ein rassisch getrenntes öffentliches Gut, nicht aber die Abschaffung öffentlicher Güter als solche. Sie schützte das Wasser nur, solange es Wasser gab.

Ein überfülltes amerikanisches städtisches Schwimmbad in den 1940er Jahren
Ein amerikanisches städtisches Bad in den 1940er Jahren. Öffentlich, gewaltig und bei der Nutzung kostenlos. Binnen zwanzig Jahren waren viele von ihnen mit Beton gefüllt statt integriert worden, und das private Bad im Garten ersetzte sie für diejenigen, die es sich leisten konnten.Marjory Collins, Office of War Information · Wikimedia Commons · public domain

Das Muster, nicht die Anekdote

Die Bäder sind keine vereinzelte Merkwürdigkeit. Dieselbe Entscheidung kehrt in der gesamten Architektur der amerikanischen öffentlichen Daseinsvorsorge wieder.

Schulen. Prince Edward County in Virginia schloss von 1959 bis 1964 lieber sein gesamtes öffentliches Schulsystem, als die Rassentrennung aufzuheben, während weiße Kinder eine Privatakademie besuchten, die durch staatliche Schulgeldzuschüsse gestützt wurde. Schwarze Kinder im County verloren bis zu fünf Jahre Schulbildung.

Der Sozialstaat war von Geburt an segregiert. Der Social Security Act von 1935 schloss Landarbeiter und Hausangestellte aus, eine Kategorie, die damals rund zwei Drittel der schwarzen Erwerbstätigen umfasste. Der Ausschluss war der Preis für die Stimmen der Südstaaten-Demokraten. Die , formal farbenblind, wurde örtlich verwaltet: Schwarze Veteranen wurden von den Universitäten weggelenkt und bekamen die Hypotheken nicht, die die weiße Mittelschicht schufen, während die Bewertungshandbücher der Federal Housing Administration ausdrücklich rassisch homogene Wohngebiete bevorzugten und den Rest mit belegten. Die amerikanische Nachkriegsmittelschicht wurde durch Regierungsprogramme geschaffen, von denen schwarze Familien weitgehend ausgeschlossen waren; das ist in den Karten und Handbüchern der Regierung selbst dokumentiert.3

Geldleistungen. Aid to Families with Dependent Children war politisch so lange unauffällig, wie man sich als Empfängerin eine weiße Witwe vorstellte. Der Politikwissenschaftler Martin Gilens wies den Mechanismus später mit ungewöhnlicher Genauigkeit nach: Die amerikanische Feindseligkeit gegenüber „welfare“ (ein unter fast jedem anderen Namen beliebtes Programm) folgt der Überzeugung, dass die Begünstigten schwarz seien, und diese Überzeugung folgt den Bildern, nicht der tatsächlichen Empfängerschaft. Ab Mitte der 1960er Jahre, in genau dem Moment, in dem die Armutsberichterstattung der Nachrichtenmagazine von weißen zu schwarzen Gesichtern wechselte, wurden die Armen der nationalen Vorstellungskraft unwürdig, und der Rückhalt schwand.4 Reagan lieferte im Wahlkampf 1976 die Ikone: die Cadillac fahrende „welfare queen“ aus Chicago, eine reale und tatsächlich spektakuläre Betrügerin namens Linda Taylor, deren einzigartige kriminelle Laufbahn zum Porträt einer gesamten Empfängerschaft aufgewertet wurde. Zwanzig Jahre später vollendete ein demokratischer Präsident die Abfolge und unterzeichnete das Gesetz von 1996, das „die Sozialhilfe, wie wir sie kennen, beendete“: Der Rechtsanspruch wurde zur Pauschalzuweisung, Fristen kamen hinzu, und die Zahl der Empfänger fiel um mehr als die Hälfte, wobei arme weiße Familien ebenso abgeworfen wurden wie alle anderen. Der Abfluss prüft nicht die Hautfarbe des Schwimmers.

Gesundheitsversorgung. Harry Trumans Vorschlag einer nationalen Krankenversicherung von 1945–48 starb in Ausschüssen unter dem Vorsitz von Südstaaten-Demokraten, für die eine Bundesfinanzierung von Krankenhäusern die bundesrechtliche Aufhebung der Rassentrennung in Krankenhäusern bedeutete. Als 1965 kam, hob seine Umsetzung die Trennung in den Krankenhäusern fast über Nacht auf, was sowohl zeigt, worum es ging, als auch, was möglich war.5 Die Vereinigten Staaten sind nach wie vor das einzige wohlhabende Land ohne allgemeine Absicherung, und die Zustimmung zu deren Ausweitung folgte mit bedrückender Regelmäßigkeit den Vorstellungen davon, wer davon profitieren würde.

Und das ist keine ferne Geschichte. Als der Oberste Gerichtshof die Medicaid-Ausweitung des Affordable Care Act in NFIB v. Sebelius (2012) für die Bundesstaaten optional machte, bildete die Landkarte der Ablehnung mit nur einer Handvoll Ausnahmen die alte Konföderation ab. Bundesstaaten lehnten Bundesmittel ab, die Millionen ihrer eigenen Einwohner zu einem gegen null gehenden Grenzkostenaufwand für ihre Haushalte versichert hätten; die daraus entstandene Versorgungslücke war überproportional schwarz und zahlenmäßig voll armer weißer Südstaatler, konzentriert in denselben ländlichen Countys, deren Krankenhäuser am schnellsten schlossen, und die in den ablehnenden Staaten am allerschnellsten schlossen.6 Palmer v. Thompson, hochskaliert: Niemand bekommt das Wasser.

Alles Übrige. Einmal erlernt, verallgemeinert sich der Reflex über seinen Auslöser hinaus. Ein Gemeinwesen, das sich zwei Generationen lang beigebracht hat, dass öffentlich ein Synonym für ihres ist, baut überhaupt keine großen öffentlichen Dinge mehr: Das Land, das die Bäder, die Talsperren und die Fernstraßen baute, benotet seine eigene Infrastruktur heute mit Werten um ein „mangelhaft“, und 2014 wurde die Stadt Flint in Michigan, mehrheitlich schwarz und damals von einem vom Bundesstaat eingesetzten Notverwalter regiert, aus Kostengründen an eine korrosive Flusswasserversorgung angeschlossen und trank Blei, während Beamte Beruhigungen aussprachen. Flint wird als rassistische Gräueltat erinnert, und das war es; es sollte auch als das Bad erinnert werden, denn die Leitungen sind gemeinsam, und ein Land, das nicht instand hält, was es teilt, vergiftet am Ende Schwimmer jeder Hautfarbe.

Der allgemeine Befund beschränkt sich nicht auf Kritiker der amerikanischen Politik: Die etablierte Ökonomie hat belegt, dass rassisch und ethnisch gespaltene Gemeinwesen weniger für öffentliche Güter ausgeben, und hat die Vereinigten Staaten als Musterfall herangezogen.7

Der Krieg gegen die Drogen

Zwischen 1980 und ihrem Höchststand stieg die amerikanische Gefängnis- und Haftanstaltsbevölkerung von rund einer halben Million auf etwa 2,3 Millionen, die höchste Inhaftierungsrate der Welt und ein Niveau ohne Vorbild in der amerikanischen Geschichte und ohne Entsprechung in irgendeiner vergleichbaren Demokratie. Die unmittelbare Ursache war die Drogenpolitik.

Der deutlichste gesetzliche Beleg für rassische Zielsetzung ist der Anti-Drug Abuse Act von 1986, der ein Verhältnis von 100 zu 1 zwischen den Mengen an Crack und Kokainpulver festlegte, die dieselbe Mindeststrafe auslösten. Die beiden Substanzen sind pharmakologisch dieselbe Droge. Crack wurde überproportional in schwarzen Gemeinschaften konsumiert, Pulver überproportional von weißen Konsumenten. Fünf Gramm des einen und fünfhundert Gramm des anderen zogen fünf Jahre nach sich. Der Kongress senkte das Verhältnis 2010 auf 18 zu 1, eine Senkung, keine Abschaffung, vierundzwanzig Jahre später.

Zugleich zeigen landesweite Erhebungsdaten durchgängig ähnliche Konsumraten über die Rassengruppen hinweg, während sich Festnahme- und Inhaftierungsraten um ein Vielfaches unterscheiden. Michelle Alexanders These (dass die Masseninhaftierung als System rassifizierter sozialer Kontrolle wirkt, das das formale Ende von Jim Crow überdauert, samt lebenslangem Ausschluss von Wahlrecht, Wohnung und Arbeit) ist die Standardreferenz, und ihr empirischer Kern wird nicht ernsthaft bestritten.8

Es gibt außerdem eine vielzitierte Äußerung von Nixons Innenpolitikchef John Ehrlichman, 1994 gegenüber einem Journalisten gemacht und 2016 veröffentlicht, wonach die Regierung wusste, dass sie es nicht verbieten konnte, gegen den Krieg oder schwarz zu sein, dass sie aber, indem sie Hippies mit Marihuana und Schwarze mit Heroin verband, diese Gemeinschaften zerrütten konnte. Die Chronik kennzeichnet dies redlich: Das Zitat tauchte zweiundzwanzig Jahre nach seiner Äußerung auf, Ehrlichmans Familie bestreitet es, und die Historiker der Zeit sind uneins darüber, ob es bewusste Absicht beschreibt oder eine bittere nachträgliche Deutung ist.9 Die Gesetze und die Festnahmedaten kommen ohne das Zitat aus.

Fotografie vom Gefängnisaufstand in Attica 1971
Attica, 1971. Der Aufstand und seine Niederschlagung (43 Tote, die meisten von der zurückerobernden Einheit getötet) fielen an den Beginn der Ära, in der sich die amerikanische Inhaftierungszahl mehr als vervierfachte.Wikimedia Commons · public domain

Das Studium teuer machen

Die University of California erhob bis 1970 keine Studiengebühren für Einwohner Kaliforniens; der Master Plan des Staates von 1960 hatte im Grunde jedem Kalifornier, der ihn nutzen konnte, einen kostenlosen Studienplatz versprochen. Ronald Reagan setzte als Gouverneur die ersten erheblichen Gebühren durch (zunächst als „fee“ bezeichnet, um den Buchstaben der gebührenfreien Tradition zu wahren), nach einer Amtszeit offener Auseinandersetzung mit einer Studentenbewegung, gegen die er Wahlkampf gemacht hatte.

Das Motto am Anfang dieses Kapitels stammt von seinem eigenen Bildungsberater Roger Freeman, geäußert während des Wahlkampfs von 1970. Es lohnt, es zweimal zu lesen. Die genannte Gefahr ist nicht, dass teuer ist; sie ist, dass zu viele gebildete Menschen politisch destabilisierend wirken. Freemans Bemerkung fiel in genau dem Augenblick, in dem sich das amerikanische Hochschulwesen erstmals in erheblichem Umfang schwarzen Studierenden, Frauen und der Arbeiterklasse öffnete.

New York führte dasselbe Experiment durch und erhielt dasselbe Ergebnis. Das City College of New York hatte seit seiner Gründung als Free Academy im Jahr 1847 keine Studiengebühren erhoben, und ein Jahrhundert lang war es die Rolltreppe der Einwandererstadt, das „Harvard des Proletariats“, das die Kinder der Mietskasernen aufnahm und Nobelpreisträger im Dutzend hervorbrachte. 1970 führte die City University unter dem Druck von Besetzungen durch schwarze und puerto-ricanische Studierende die offene Zulassung ein, und die Studentenschaft wechselte binnen fünf Jahren die Farbe. 1976, mitten in der Haushaltskrise, mit den Banken, die die Schuldscheine der Stadt hielten und Sparpolitik diktierten, beendete New York nach 129 Jahren die Gebührenfreiheit. Der Zeitpunkt ist der Befund: kostenloses Studium für die weiße Stadt, Kredite für die dunklere.

Was landesweit über fünfzig Jahre folgte: Studiengebühren, die weit schneller stiegen als Inflation oder Löhne, die Verlagerung von Stipendien zu Krediten und ein ausstehender Bestand an Studienschulden, der heute deutlich über einer Billion Dollar liegt und überproportional von schwarzen Kreditnehmern getragen wird, die mit weniger Familienvermögen beginnen und mit mehr Schulden enden. Ein Land, das das Studium für die Generation der GI Bill nahezu kostenlos gemacht hatte, machte es für die Generation nach der Aufhebung der Rassentrennung zum Schuldinstrument.

Die nachgelieferte Philosophie

Nichts davon ließ sich mit den Beweggründen rechtfertigen, die dahinterstanden, also brauchte es eine Sprache. Mehrere wurden geliefert.

„States' rights“ und „“ verrichteten die Arbeit in der Wahlpolitik, wie Kapitel 17 anhand von Atwaters eigener Schilderung der Abfolge beschrieb.

Der Objektivismus verrichtete die Arbeit im Vorstandszimmer. Ayn Rands System (Selbstsucht als Tugend, Altruismus als Laster, Besteuerung als Diebstahl, der produktive Einzelne von Parasiten belagert) bot eine Möglichkeit, die Weigerung zu teilen als moralischen Mut statt als Knauserei zu erleben. Sein Einfluss war nicht randständig: Alan Greenspan gehörte Rands innerem Kreis an, bevor er neunzehn Jahre lang die Federal Reserve leitete. Und Rands eigene Auffassung von den ursprünglichen Bewohnern des Kontinents, 1974 in West Point vorgetragen (dass sie kein Recht auf ein Land hätten, weil sie keine sesshafte Gesellschaft geschaffen hätten, und dass die Europäer im Recht gewesen seien, es zu nehmen), macht die Verbindung zur Verbesserungslehre aus Kapitel 9 ausdrücklich.

„Eigenverantwortung“ schloss den Kreis und verwandelte das Ergebnis von hundert Jahren Politik in eine Beschreibung des individuellen Charakters.

Der Kreuzzug geht ins Ausland

Dieselbe Vorstellungswelt prägte die Außenpolitik der 2000er Jahre. Fünf Tage nach den Anschlägen vom September 2001 bezeichnete George W. Bush die Antwort als Kreuzzug, ein Wort, das seine Mitarbeiter sofort zurücknahmen und das in der muslimischen Welt genau so aufgenommen wurde, wie zu erwarten war.

Die Theologie reiste mit einer Ökonomie. Die Nationale Sicherheitsstrategie von 2002, das Dokument, das den Präventivkrieg kodifizierte, begann mit der Ankündigung, die großen Auseinandersetzungen des zwanzigsten Jahrhunderts hätten mit „einem einzigen tragfähigen Modell nationalen Erfolgs geendet: Freiheit, Demokratie und freies Unternehmertum“. Ein einziges Modell, für jede Nation der Erde verordnet: der missionarische Universalismus des Freihandels aus Kapitel 16, nun bewaffnet. Was das Modell im Inland nicht enthielt, war irgendetwas von dem, was die vorangehenden Abschnitte als leergepumpt beschreiben.

Die härtere Behauptung des Kapitels betrifft den Vorlauf zum Irakkrieg. Jacques Chirac und seine Berater haben ein Telefongespräch beschrieben, in dem Bush Gog und Magog (Gestalten aus der prophetischen Literatur, die Kapitel 17 über Darby und Scofield verfolgte) anführte, um Frankreich zum Beitritt in die Koalition zu drängen. Chiracs Mitarbeiter waren so ratlos, dass sie einen Schweizer Theologen, Thomas Römer, zurate zogen, der später einen Bericht über die Anfrage veröffentlichte. Bush hat sich nicht geäußert; die Quellenlage ist aus zweiter Hand, stammt aber von namentlich genannten, hochrangigen Beteiligten.10

Wie es sich mit jenem Gespräch auch verhält: Die in Kapitel 17 beschriebene Wählerschaft gehörte zu den verlässlichsten Unterstützern des Krieges und verstand den Nahen Osten in einem prophetischen Rahmen. Und als 2004 die Fotos aus Abu Ghraib herauskamen, grinsende Wachleute neben verhüllten und an Leinen geführten Gefangenen, wies Susan Sontag darauf hin, woher die Bildkomposition bereits vertraut war: von den Lynchfotografien, auf denen weiße Amerikaner einst neben ihren Opfern posiert hatten, als Postkarten gedruckt und nach Hause geschickt.11 Die Farblinie war exportiert worden, und sie fotografierte sich gleich. Der Irakkrieg tötete mindestens mehrere hunderttausend Menschen, destabilisierte die Region für eine Generation und kostete die Vereinigten Staaten Billionen Dollar, während dieselbe politische Koalition zu Hause behauptete, eine allgemeine Gesundheitsversorgung sei unbezahlbar.

Wo dieses Kapitel mit sich selbst streitet

Ist Rassismus eine hinreichende Erklärung für die amerikanische Unterversorgung? Nein, und die Chronik behauptet das nicht. Der Föderalismus, eine Verfassung, die Gesetzgebung erschweren soll, eine ungewöhnlich starke Tradition individueller Rechte, mächtige private Versicherungs- und Pharmaindustrien, das Zweiparteiensystem und die ländliche Schlagseite des Senats tragen alle eigenständig dazu bei, und andere vielfältige Demokratien haben Sozialstaaten aufgebaut.

Die Behauptung lautet, dass die Rasse der tragende Faktor ist: derjenige, der ein lösbares Koordinationsproblem wiederholt in ein unlösbares verwandelt, und derjenige, der die sonst rätselhafte Bevorzugung von nichts gegenüber etwas erklärt. Genau das zeigt das leergepumpte Bad: Auch die weißen Einwohner von Montgomery verloren ihr Bad. Eine Hierarchie zahlt reale Kosten, um ihre Stellung zu bewahren, und die Menschen am unteren Ende ihrer weißen Seite tragen einen Teil davon.

Und die Überlieferung enthält Grenzüberschreitungen, welche die Chronik braucht, denn sie zeigen, dass das Leerpumpen eine Entscheidung ist und kein Naturgesetz. Wo Bündnisse die Linie überschritten haben, haben sie eingesammelt, was McGhee die Solidaritätsdividende nennt, den Gewinn, den es nur gibt, wenn er geteilt wird: Die interracialen Organisierungskampagnen des CIO in den 1930er und 1940er Jahren gewerkschafteten die Branchen, welche die nach Hautfarbe abgeschotteten Facharbeitergewerkschaften aufgegeben hatten, und hoben dabei die Löhne der Weißen; die Fusionspolitik der 1890er Jahre regierte kurzzeitig North Carolina, bis sie 1898 durch den bewaffneten Umsturz in Wilmington zerstört wurde; McGhees eigene Recherchen finden die Dividende heute in multiethnischen Kampagnen für Löhne, gewerkschaftliche Anerkennung und sauberes Wasser ausgezahlt. Es ist bemerkenswert, dass die Verwalter der Hierarchie ihre entschiedenste Gewalt genau solchen Bündnissen vorbehalten haben, eine Gewohnheit, die Kapitel 20 bis zu ihrem Gründungsfall in Bacons Rebellion zurückverfolgen wird. Das ist ein brauchbarer Maßstab dafür, was die Grenzüberschreitungen wert sind.

Ausblick

Ein Land, das sein eigenes Trinkwasser nicht in Ordnung bringen will und seine öffentliche Vorstellungskraft auf Kreuzzüge im Ausland verwendet, braucht dennoch eine Geschichte über die Zukunft. Kapitel 19 untersucht die angebotene: eine Eschatologie mit einem Messias, einem gelobten Land und einer Entrückung, für diejenigen, die sich die Fahrkarte leisten können.

Fußnoten

  1. Heather McGhee, The Sum of Us: What Racism Costs Everyone and How We Can Prosper Together (New York: One World, 2021), Kap. 2; speziell zu den Bädern Jeff Wiltse, Contested Waters: A Social History of Swimming Pools in America (Chapel Hill: University of North Carolina Press, 2007). ↩
  2. Wiltse, Contested Waters, zum Aufruhr im Fairground Park vom 21. Juni 1949 und zur Aufgabe städtischer Bäder nach der Aufhebung der Rassentrennung; Palmer v. Thompson, 403 U.S. 217 (1971). Zur Privatisierung als Nachfolgestrategie allgemeiner Kevin M. Kruse, White Flight: Atlanta and the Making of Modern Conservatism (Princeton: Princeton University Press, 2005). ↩
  3. Ira Katznelson, When Affirmative Action Was White (New York: Norton, 2005); Richard Rothstein, The Color of Law (New York: Liveright, 2017). ↩
  4. Martin Gilens, Why Americans Hate Welfare: Race, Media, and the Politics of Antipoverty Policy (Chicago: University of Chicago Press, 1999); zu Linda Taylor Josh Levin, The Queen: The Forgotten Life Behind an American Myth (New York: Little, Brown, 2019). ↩
  5. Jill Quadagno, One Nation, Uninsured: Why the U.S. Has No National Health Insurance (Oxford: Oxford University Press, 2005); David Barton Smith, The Power to Heal: Civil Rights, Medicare, and the Struggle to Transform America's Health Care System (Nashville: Vanderbilt University Press, 2016). ↩
  6. NFIB v. Sebelius, 567 U.S. 519 (2012). ↩
  7. Alberto Alesina, Reza Baqir und William Easterly, "Public Goods and Ethnic Divisions," Quarterly Journal of Economics 114:4 (1999), S. 1243–1284; Alberto Alesina und Edward Glaeser, Fighting Poverty in the US and Europe (Oxford, 2004). ↩
  8. Michelle Alexander, The New Jim Crow (New York: New Press, 2010); zur Strafzumessungsdisparität United States Sentencing Commission, Report to Congress: Cocaine and Federal Sentencing Policy (2007). ↩
  9. Dan Baum, "Legalize It All," Harper's Magazine, April 2016. Zur Skepsis siehe die von German Lopez, Vox, 29. März 2016, zusammengetragenen Entgegnungen, darunter von Historikern der nixonschen Drogenpolitik. ↩
  10. Thomas Römers Bericht über die Anfrage des Élysée von 2003, veröffentlicht in Allez savoir! (Universität Lausanne), Nr. 43 (2009); Chiracs eigene Memoiren und Interviews mit Jean-Claude Maurice, Si vous le répétez, je démentirai (Paris: Plon, 2009). ↩
  11. Susan Sontag, "Regarding the Torture of Others," New York Times Magazine, 23. Mai 2004. ↩
Dramatis personae

Wer beteiligt war

  1. Figuren

    Heather McGhee

    b. 1980 Policy analyst and writer

    The cost to everyone

    Her image is the drained pool: a country that built grand public swimming pools and then, ordered to desegregate them, filled them with dirt rather than share them. The point of the image is what happened next. The white residents of Montgomery lost their pool too, and their parks, and their zoo. A hierarchy will pay real costs to preserve its position.

    McGhee, The Sum of Us (2021)

  2. Figuren

    Roger A. Freeman

    1904 – 1991 Education adviser to Governor Reagan

    Selectivity

    In October 1970 he said, on the record, that the danger was producing an educated proletariat, and that the state would have to be selective about who was allowed through higher education. The remark came at the precise moment when American higher education was opening substantially to Black students, to women and to the working class. The University of California had charged no tuition until that year.

    San Francisco Chronicle, October 1970

  3. Figuren

    Ronald Reagan

    1911 – 2004 Governor of California, then President

    States’ rights

    He introduced the first substantial charges at the University of California (initially labelled a fee, to preserve the letter of the no-tuition tradition) after a term of open conflict with a student movement he had campaigned against. Ten years later he opened his general election campaign at a county fair in Mississippi, a few miles from where three civil rights workers had been murdered, and told the crowd he believed in states’ rights.

  4. Figuren

    Michelle Alexander

    b. 1967 Legal scholar

    The New Jim Crow

    Her argument is that mass incarceration functions as a system of racialised social control which survives the formal end of Jim Crow, complete with lifelong disqualification from voting, housing and employment. The statutory evidence needs no interpretation: five grams of crack and five hundred of powder drew the same five-year mandatory minimum, and they are the same drug.

    Alexander, The New Jim Crow (2010)

  5. Figuren

    Ira Katznelson

    b. 1944 Political scientist and historian

    When affirmative action was white

    The postwar American middle class was created by government programmes (Social Security, the GI Bill, federally underwritten mortgages) from which Black families were substantially excluded, sometimes by statute and more often by local administration. The exclusions were the price of Southern votes, and they are documented in the government’s own manuals.

    Katznelson, When Affirmative Action Was White (2005)

  6. Figuren

    Richard Rothstein

    b. 1942 Historian of housing policy

    It was the law

    The Color of Law makes an argument about legal responsibility rather than about attitudes: residential segregation in the United States was not the accumulated result of private prejudice but the product of explicit federal policy, including underwriting manuals that favoured racially homogeneous neighbourhoods and redlined the rest. The maps still exist. So do the neighbourhoods.

    Rothstein, The Color of Law (2017)

  7. Figuren

    Ayn Rand

    1905 – 1982 Novelist and founder of Objectivism

    The refusal, as moral courage

    Selfishness as a virtue, altruism as a vice, taxation as theft, the productive individual besieged by parasites, a system that let the refusal to share be experienced as courage rather than meanness. Her influence was not marginal: Alan Greenspan belonged to her inner circle before running the Federal Reserve for nineteen years. Her 1974 remarks at West Point, that Indigenous Americans had no right to a country because they had not created a settled society, connect the doctrine directly to the improvement theory of chapter 9.

rwandafacts Eine wissenschaftliche Chronik, mit Belegen.
Die Inhalte sind belegt; Korrekturen sind willkommen.