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Kapitel № 01 · c. 300,000 – 3,000 BCE

Vorgeschichte und die Auslese der Götter

Warum die Moralsysteme, die die tiefe Vergangenheit überdauerten, weder die sanftesten noch die grausamsten waren.

Lascauxc. 17,000 BCE — coordinated symbolic labourTalheim · Kilianstädtenc. 5000 BCE — Neolithic massacre gravesTrypillia mega-sitesCities without palacesGöbekli Tepec. 9500 BCE — monuments before agricultureJebel SahabaHealed wounds: repeated raidingNatarukc. 8000 BCE — disputed on taphonomyNyae NyaeJu/’hoansi — the egalitarian machine observedSaharaMediterranean2 500 kmN
Atlas Wo es geschah. The sites this chapter argues over, and the one living society it argues from. Nothing here is a civilisation: they are the places where the deep past left enough evidence for the fight about prehistoric violence to be conducted on something other than assertion. Note how far apart they are, and how few there are: the record is a scatter of dots across three continents, which is exactly why the interpretive stakes are so high.
Chronologie

Wann es geschah

  1. c. 300,000 BCE Anatomically modern humans The window in which the filter of this chapter begins operating.
  2. c. 17,000 BCE Lascaux painted Large, coordinated, non-subsistence labour spent on shared meaning.
  3. c. 11,400 BCE Jebel Sahaba cemetery Projectile injuries, many of them healed, raiding, not one massacre.
  4. c. 9500 BCE Göbekli Tepe raised Monumental enclosures before domesticated staples: meaning precedes surplus.
  5. c. 8000 BCE Nataruk Reported as the earliest forager inter-group killing; immediately contested.
  6. c. 5000 BCE Talheim and Schöneck-Kilianstädten Farming villages, storage, and unambiguous organised massacre.
  7. c. 4100 BCE Trypillia mega-sites begin Thousands of households, no palace, no evident ruling quarter.
  8. c. 3000 BCE The first states Writing, taxation, standing coercion, and the record this chronicle can read.
Deep time will not sit on a proportional axis (300,000 BCE would push everything else into a single line at the bottom of the page), so these stops are spaced evenly. Read the order, not the gaps.

„Die Stämme, die sich nicht verteidigen konnten, blieben nicht als sanftmütig in Erinnerung. Sie blieben überhaupt nicht in Erinnerung.“

— die Arbeitsprämisse dieses Kapitels

Jedes Volk, das den historischen Aufzeichnungen erreicht, bringt eine Geschichte über sich selbst mit: woher es kam, was seinen Toten geschuldet wird, wer als verwandt gilt, was man einem Fremden antun darf und was mit einem Mann geschieht, der mehr nimmt als seinen Anteil. Wir sind es gewohnt, diese Geschichten als willkürlich zu behandeln: Folklore, Zierrat, das Lokalkolorit einer Kultur. Sie sind nicht willkürlich. Sie sind tragend. Und diejenigen, die wir heute noch lesen können, sind ausnahmslos jene, die ihre Träger nicht das Leben gekostet haben.

Dieses Kapitel handelt von diesem Filter. Es ist das Fundament von allem, was in dieser Chronik folgt, denn die Religionen, die später Sklaverei, Eroberung und rassische Kastenordnung rechtfertigten, sind nicht aus dem Nichts entstanden. Sie wurden aus weit älterem Material zusammengesetzt, und zwar durch denselben Prozess, der alles andere zusammengesetzt hat: eine lange, brutale, verschwenderische Auslese, in der manche Erzählungen ihre Gemeinschaften am Leben hielten und andere nicht.

Zwei Warnungen vorab. Erstens handelt dieses Kapitel von einer Epoche, die überhaupt kein schriftliches Zeugnis hinterlassen hat, und die redliche Forschung ist voller lebendiger Kontroversen; wo die Belege dünn sind, sagt dieses Kapitel es. Zweitens ist „was überlebt hat“ kein Argument dafür, dass das Überlebende gut war. Auslese ist keine moralische Beglaubigung. Die Pocken haben sehr gut überlebt.

Der Filter hat zwei Schneiden

Man betrachte das Problem, vor dem jede menschliche Gruppe von einigen Dutzend bis einigen Hundert Menschen steht, irgendwo zwischen dem Auftreten des verhaltensmodernen Menschen und den ersten Städten. Sie ist zwei Arten von Bedrohung zugleich ausgesetzt, und diese ziehen in entgegengesetzte Richtungen.

Die Bedrohung von außen. Andere Gruppen existieren. Sie wollen dasselbe Wasser, dasselbe Wild, denselben Talgrund. Eine Gruppe, deren Erzählung jede Gewalt verbietet, die Ausbildung junger Männer verbietet, das Halten einer Grenze verbietet oder jeden ankommenden Fremden als automatisch gastrechtsberechtigt behandelt, ist eine Gruppe, deren Vorräte, Frauen, Kinder und Territorium für jeden, der anders denkt, billig zu haben sind. Sie wird überfallen, aufgesogen oder verdrängt. Ihre Geschichte stirbt mit ihr, nicht weil die Geschichte falsch lag darin, wie Menschen leben sollten, sondern weil sie entwaffnet war.

Die Bedrohung von innen. Doch nun betrachte man das Spiegelbild: eine Gruppe, deren Erzählung unbegrenztes Raubverhalten gegen die eigenen Leute erlaubt. Eine Kosmologie, in der die Starken den Schwachen grenzenlos nehmen dürfen, in der der Häuptling nach Belieben töten darf, in der niemand irgendjemandem etwas schuldet. Diese Gruppe braucht keine Feinde. Ihre Mitglieder werden keine Nahrung lagern, die man ihnen stehlen kann, werden bei nichts kooperieren, was länger als eine Jahreszeit dauert, werden nicht mehr Kinder aufziehen, als sie persönlich verteidigen können, und werden bei der ersten Gelegenheit abtrünnig. Sie verrottet von der Mitte her. Eine böse Gesellschaft ist im Inneren nicht glücklich, und unglückliche Gesellschaften halten nicht lange genug zusammen, um Nachkommen zu hinterlassen, die sich an sie erinnern.

Was durch beide Schneiden hindurchgeht, ist eng: Geschichten, die an der Grenze wild sind und im Inneren zurückhaltend. Solidarität nach innen plus Freibrief nach außen. Diese Kombination ist die wiederkehrende Gestalt antiker Moralsysteme, und sie ist weder Zufall noch moralisches Versagen unserer Vorfahren. Sie ist das, was übrig blieb, nachdem alles andere entfernt worden war.

Gemalte Auerochsen, Pferde und Hirsche an der Wand der Höhle von Lascaux in Frankreich
Lascaux, ca. 17.000 v. u. Z. Der älteste Beleg dafür, dass Menschen eine gemeinsame symbolische Welt in größerem Maßstab aufrechterhielten. Von der Bedeutung der Malereien ist nichts erhalten; erhalten ist die Tatsache, dass eine Gemeinschaft überhaupt enorme, koordinierte, nicht der Subsistenz dienende Arbeit in Bedeutung investierte.Wikimedia Commons · public domain

Der Mechanismus und der Streit darüber

Der Fachbegriff für den oben beschriebenen Filter lautet kulturelle Gruppenselektion: die These, dass Wettbewerb zwischen Gruppen, sofern sich diese Gruppen in ihren sozial übertragenen Normen unterscheiden, jene Normen begünstigen kann, die Gruppen kohäsiver und wirksamer machen, selbst wenn diese Normen für den Einzelnen kostspielig sind.1 Robert Boyd und Peter Richerson sind die Hauptarchitekten der formalen Fassung; Joseph Henrich hat am meisten dafür getan, sie mit dem ethnographischen und experimentellen Befund zu verbinden.2

Die Idee hat eine hässliche Vorgeschichte: Sie wurde im neunzehnten Jahrhundert benutzt, um „Rassen“ zu hierarchisieren und Imperien zu rechtfertigen, was genau die Geschichte ist, die die Kapitel 13 und 14 dieser Chronik erzählen, und moderne Vertreter achten sorgfältig darauf, sich davon abzugrenzen. Die These lautet nicht, dass überlebende Kulturen überlegen seien oder dass die Menschen, die sie tragen, biologisch anders seien. Die These ist enger und besser belegt: Praktiken verbreiten sich und sterben aus je nachdem, was sie mit den Gruppen anstellen, die sie tragen, und das geschieht schnell, innerhalb von Jahrhunderten, durch Nachahmung, Migration, Eroberung und Prestige, nicht durch Gene.

Sie ist zudem tatsächlich umstritten. Kritiker weisen darauf hin, dass sich Gruppenselektionsargumente gefährlich leicht im Nachhinein erzählen lassen: Jede überlebende Institution kann als funktional dargestellt werden. Die Erwiderung in der ernsthaften Literatur besteht darin, das Muster prospektiv zu suchen, in kodierten kulturvergleichenden Datensätzen, und genau hier wird das Argument interessant und unübersichtlich.

Wo dieses Kapitel mit sich selbst streitet

Der bekannteste quantitative Test (die 2019 in Nature erschienene Arbeit von Whitehouse und Kollegen auf Basis der Seshat-Datenbank) berichtete, dass große moralisierende Götter eher nach gesellschaftlicher Komplexität auftreten als davor, was gegen die einfachste Erzählung „Glaube schuf Kooperation“ spricht. Diese Arbeit wurde daraufhin durch einen Kodierungsstreit über den Umgang mit fehlenden Daten der Sache nach zurückgenommen, neu analysiert und neu verhandelt.3 Die redliche Zusammenfassung lautet: Die Korrelation zwischen moralisierender Religion und großmaßstäblicher Kooperation ist real und robust; die Richtung der Kausalität ist ungeklärt. Diese Chronik verwendet durchgehend die schwächere, sicherere These (dass Erzählungen nach ihren Folgen ausgelesen werden) und stützt sich nicht auf die stärkere.

Wie kleine Gesellschaften die innere Bedrohung überwachten

Der auffälligste Befund der Anthropologie mobiler Wildbeuter ist, dass diese nicht bloß durch den Zufall der Armut gleich sind. Sie sind aggressiv, absichtsvoll gleich, und sie arbeiten daran.

Christopher Boehms Überblick über den ethnographischen Befund nennt dies die umgekehrte Dominanzhierarchie: die Vielen, die sich abstimmen, um die ehrgeizigen Wenigen niederzuhalten.4 Das Instrumentarium ist über die Kontinente hinweg gleichbleibend: Spott, Klatsch, Verweigerung der Zusammenarbeit, Ächtung und, im äußersten Fall, die Hinrichtung des unbelehrbaren Tyrannen durch Konsens der Horde. Richard Lees klassische Darstellung der Ju/'hoansi beschreibt das rituelle „Beschimpfen des Fleisches“, bei dem ein Jäger, der ein großes Tier einbringt, dafür systematisch heruntergemacht wird, gerade damit ein guter Jäger Nahrung nicht in Ansehen umwandeln kann.5

Man lese das noch einmal als Konstruktionslösung. Es handelt sich um Gesellschaften, die den Fehlermodus der inneren Ausbeutung erkannt und ein kulturelles Immunsystem dagegen aufgebaut haben, nicht aus Sentimentalität, sondern weil eine Horde, die einen Mann Zwangsmacht über die anderen anhäufen lässt, aufhört, als Horde zu funktionieren. Die moralische Erzählung und der Überlebensmechanismus sind ein und dasselbe Objekt.

Die Ju/'hoansi sind auch die Quelle des anderen berühmten Befundes: Marshall Sahlins' „ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft“, aufgebaut auf Lees Daten, die eine Subsistenzarbeit von etwa zwanzig Stunden pro Woche zeigten.6 Die Zahl ist seit fünfzig Jahren umstritten; spätere Arbeiten argumentieren, die Rechnung habe Nahrungszubereitung, Werkzeugpflege und Kinderbetreuung ausgeklammert, und der Untersuchungszeitraum sei ungewöhnlich gewesen, und die verantwortungsvolle Position lautet, dass die Arbeit der Wildbeuter variabel und oft weit unter der landwirtschaftlichen Norm war, nicht dass sie durchweg leicht gewesen wäre.7 Der Punkt, der die Kritik überlebt, ist der wichtige: Subsistenzgesellschaften lebten nicht von vornherein am Rand des Verhungerns, und die Annahme, sie hätten das getan, ist ein koloniales Erbe, kein Befund. Wir werden ihr in Kapitel 9 wiederbegegnen, wenn englische Siedler eine Landschaft, die bewirtschaftet wurde, als „Wildnis“ beschreiben.

War die Bedrohung von außen real?

Dies ist die schwierigste empirische Frage des Kapitels, und es lohnt sich, präzise zu sein, denn beide extremen Antworten sind Propaganda.

Die Position „die Vorgeschichte war ein Blutbad“ stützt sich auf Lawrence Keeleys War Before Civilization und wurde von Steven Pinker popularisiert: hohe Pro-Kopf-Raten gewaltsamer Todesfälle in den ethnographischen und archäologischen Stichproben, um eine Größenordnung über denen moderner Staaten.8 Die Gegenposition, am nachdrücklichsten von R. Brian Ferguson und Douglas Fry vertreten, lautet, dass die Stichproben kontaminiert sind: dass viele der Fälle von „primitivem Krieg“ Gesellschaften betrafen, die bereits durch den Kontakt mit expandierenden Staaten, durch Sklavenraub und durch den Pelz- und Waffenhandel deformiert waren, und dass der tiefe archäologische Befund mobiler Wildbeuter zwar Gewalt zeigt, aber keinen organisierten Krieg, bevor Sesshaftigkeit und Vorratshaltung auftreten.9

Die Fundstätten, über die alle streiten, sollten benannt werden. Jebel Sahaba im Sudan, ca. 13.400 Jahre alt, enthält Dutzende von Individuen mit Geschossverletzungen; eine neuere Neuauswertung fand bei vielen verheilte Wunden, was auf wiederholte Überfälle statt auf ein einzelnes Massaker hindeutet.10 Nataruk in Kenia, ca. 10.000 Jahre alt, erbrachte siebenundzwanzig Leichname, einige gefesselt, einige mit eingedrungenem Obsidian, gemeldet als der früheste Beleg für Konflikte zwischen Gruppen unter Wildbeutern und umgehend aus taphonomischen Gründen bestritten.11 Talheim und Schöneck-Kilianstädten im neolithischen Deutschland sind nicht mehrdeutig: Massengräber von Dorfbewohnern bäuerlicher Gemeinschaften, Schädel von hinten zerschlagen, Unterschenkel gezielt zertrümmert.12

Die vertretbare Synthese: tödliche Gewalt zwischen Gruppen ist alt, weit verbreitet und ungleichmäßig. Sie ist weder universell noch beständig, und sie verschärft sich stark dort, wo es etwas zu holen gibt: gelagertes Getreide, Herden, ein Fischgrund, eine Handelsroute. Was genau das ist, was das Argument dieses Kapitels erfordert. Eine Gruppe muss nicht jedes Jahr überfallen werden, damit der Fehlermodus der Entwaffnung tödlich ist. Sie muss einmal überfallen werden.

Behauene T-förmige Kalksteinpfeiler in einer kreisförmigen Anlage in Göbekli Tepe
Göbekli Tepe, Südosttürkei, ca. 9500 v. u. Z. Monumentale Anlagen, errichtet von Menschen, die ihre Grundnahrungspflanzen noch nicht domestiziert hatten. Die Fundstätte ist die stehende Widerlegung der Vorstellung, Ritual und gemeinsame Erzählung kämen nach Ackerbau und Überschuss; hier kam die koordinierte Bedeutung zuerst.Photo Teomancimit · Wikimedia Commons · CC BY-SA 3.0

Gegen die Leiter

Es gibt eine weitere Korrektur, bevor dieses Kapitel seine Aufgabe erfüllen kann, und sie stammt von David Graeber und David Wengrows The Dawn of Everything.13 Ihr Ziel ist die Standardtreppe (Horde, Stamm, Häuptlingstum, Staat), in der jede Stufe komplexer, ungleicher und unvermeidlich ist. Der archäologische Befund, so argumentieren sie, zeigt nichts derart Ordentliches: Gesellschaften, die Monumente errichteten und dann die Hierarchie aufgaben, Städte ohne Paläste (die ukrainischen Megasiedlungen, der soziale Wohnungsbau von Teotihuacán), Völker, die in einer Jahreszeit eine häuptlingsförmige Hierarchie und in der anderen eine erbittert egalitäre Versammlung betrieben.

Einige ihrer konkreten Deutungen werden von Fachleuten bestritten, und diese Chronik braucht nicht alle davon.14 Was sie braucht, ist ihre zentrale negative These, die gut belegt ist: Hierarchie war nicht der automatische Preis der Komplexität, und politische Formen wurden gewählt, umstritten und rückgängig gemacht. Menschen experimentierten, und manche Experimente wurden absichtlich rückgängig gemacht.

Das ist für das Folgende von enormer Bedeutung. Wenn Herrschaft der natürliche Endpunkt gesellschaftlicher Entwicklung ist, dann sind Imperium, Sklaverei und Kaste bedauerlich, aber zu erwarten. Ist sie es nicht, zeigt der Befund also Menschen, die Hierarchien wiederholt aufbauen und abbauen, dann sind die spezifischen Hierarchien der letzten fünf Jahrhunderte das Ergebnis spezifischer Entscheidungen identifizierbarer Menschen, und genau das dokumentiert der Rest dieser Chronik.

Die Gestalt, die durchkam

Zieht man die Fäden zusammen, so ergibt sich ein grobes Profil jener moralischen Erzählung, die die tiefe Vergangenheit überstanden hat. Sie umfasst tendenziell:

  • Starke innere Verpflichtung: Verwandtschaftspflicht, Reziprozität, Gastfreundschaft innerhalb der Gruppe, ein realer Preis für Trittbrettfahren und ein ernsthafter Apparat zur Demütigung der Ehrgeizigen.
  • Eine verteidigungsfähige Grenze: eine Kategorie des „Wir“, Initiation und Ausbildung der Jungen und eine ausdrückliche Bestimmung dessen, wann Gewalt legitim ist.
  • Grenzen für Raubverhalten im Inneren: Tötungstabus, Zügelung der Häuptlinge, umverteilende Festmähler, Blutgeldsysteme, die verhindern, dass Fehden sich aufschaukeln.
  • Weiterer Freibrief an der Grenze: der Feind, der Fremde, die Nicht-Person. Das ist der Preis des ganzen Pakets, und dort sind die Schrecken des Rests dieser Chronik letztlich angesiedelt.
  • Ökologische Zurückhaltung, die als heilig durchgesetzt wird: Schonzeiten, heilige Haine, Tabuarten, Rotation. Gemeinschaften, die ihre eigene Ressourcengrundlage aufaßen, verschwanden mit ihr.15

Man beachte, was dieses Profil nicht ist. Es ist nicht sanft, und es ist nicht der „edle Wilde“, ein Stereotyp, das in Europa für europäische Debatten erfunden wurde und das diese Chronik ebenso entschieden zurückweist wie sein Spiegelbild. Vorkoloniale Gesellschaften waren Gesellschaften: Sie hatten Politik, Fraktionen, Zwang, Grausamkeit und Krieg. Was sie hatten und spätere Imperien nicht, war ein begrenztes Maß der Ausbeutung. Man kann ein Tal nicht ausschlachten, in dem man im nächsten Jahr leben muss, und man kann keinen Nachbarn misshandeln, dessen Schwester der eigene Sohn heiraten wird.

Warum dies Kapitel eins ist

Alles, was in dieser Chronik folgt, ist eine Geschichte über jene Grenze: wo eine moralische Gemeinschaft ihren Rand zieht und was sie sich jenseits davon erlaubt.

Das Römische Reich aus Kapitel 2 ist das, was geschieht, wenn eine Gesellschaft einen Weg findet, die Grenze beweglich zu machen, sodass die Ausbeutung unbegrenzt exportiert werden kann und die Kosten nie zu Hause anfallen. Die Erfindung der Rasse in Kapitel 8 ist das, was geschieht, wenn eine Gesellschaft eine Grenze braucht, die über viertausend Meilen und drei Generationen hinweg hält, wenn die Misshandelten weder Nachbarn noch Feinde sind, sondern dauerhafte, vererbbare Nicht-Personen. Die koloniale Mission aus Kapitel 10 ist das, was geschieht, wenn einer Religion, die eine uralte Innen-/Außengruppen-Architektur mit sich trägt, ein globales Logistiksystem in die Hand gegeben wird. Und der Personalausweis aus Kapitel 24 ist das, was geschieht, wenn ein Kolonialstaat mit Druckerpresse und Lineal genau entscheidet, wo in Ruanda die Grenze verlaufen wird.

Rassismus ist kein unerklärliches moralisches Versagen, das im fünfzehnten Jahrhundert grundlos auftauchte. Er ist die älteste Maschinerie der menschlichen Kultur, die Linie zwischen den Menschen, denen man etwas schuldet, und denen, denen man nichts schuldet, im industriellen Maßstab neu konstruiert von Männern, die einen präzisen kommerziellen Grund hatten, sie zu brauchen. Das ist das Argument von Kapitel 8, und es beginnt hier.

Fußnoten

  1. Robert Boyd und Peter J. Richerson, The Origin and Evolution of Cultures (Oxford: Oxford University Press, 2005); sowie ihr früheres Culture and the Evolutionary Process (Chicago, 1985). Für eine knappe Darstellung Peter Richerson u. a., „Cultural group selection plays an essential role in explaining human cooperation: A sketch of the evidence“, Behavioral and Brain Sciences 39 (2016), e30, mitsamt dem umfangreichen begleitenden Fachkommentar. ↩
  2. Joseph Henrich, The Secret of Our Success (Princeton: Princeton University Press, 2016). ↩
  3. Harvey Whitehouse u. a., „Complex societies precede moralizing gods throughout world history“, Nature 568 (2019), S. 226–229; die Kritik bei Bret Beheim u. a., „Treatment of missing data determined conclusions regarding moralizing gods“, Nature 595 (2021), E29–E34, und die Antwort der Autoren. Siehe auch Ara Norenzayan, Big Gods (Princeton, 2013), für die geprüfte Position. ↩
  4. Christopher Boehm, Hierarchy in the Forest: The Evolution of Egalitarian Behavior (Cambridge, MA: Harvard University Press, 1999), insbesondere Kap. 3–4. ↩
  5. Richard B. Lee, „Eating Christmas in the Kalahari“, Natural History 78 (Dezember 1969), S. 14–22; und Lee, The !Kung San: Men, Women and Work in a Foraging Society (Cambridge, 1979). ↩
  6. Marshall Sahlins, „The Original Affluent Society“, in Stone Age Economics (Chicago: Aldine, 1972), S. 1–39. ↩
  7. David Kaplan, „The Darker Side of the 'Original Affluent Society'“, Journal of Anthropological Research 56:3 (2000), S. 301–324, ist die maßgebliche Kritik. ↩
  8. Lawrence H. Keeley, War Before Civilization: The Myth of the Peaceful Savage (Oxford, 1996); Steven Pinker, The Better Angels of Our Nature (New York: Viking, 2011), Kap. 2. ↩
  9. R. Brian Ferguson, „Pinker's List: Exaggerating Prehistoric War Mortality“, in Douglas P. Fry (Hg.), War, Peace, and Human Nature (Oxford, 2013), S. 112–131; Douglas P. Fry und Patrik Söderberg, „Lethal Aggression in Mobile Forager Bands and Implications for the Origins of War“, Science 341 (2013), S. 270–273. ↩
  10. Isabelle Crevecoeur u. a., „New insights on interpersonal violence in the Late Pleistocene based on the Nile valley cemetery of Jebel Sahaba“, Scientific Reports 11 (2021), 9991. ↩
  11. M. Mirazón Lahr u. a., „Inter-group violence among early Holocene hunter-gatherers of West Turkana, Kenya“, Nature 529 (2016), S. 394–398; sowie der kritische Austausch mit Christopher M. Stojanowski u. a., Nature 539 (2016), E8–E10. ↩
  12. Christian Meyer u. a., „The massacre mass grave of Schöneck-Kilianstädten reveals new insights into collective violence in Early Neolithic Central Europe“, PNAS 112:36 (2015), S. 11217–11222. ↩
  13. David Graeber und David Wengrow, The Dawn of Everything: A New History of Humanity (New York: Farrar, Straus and Giroux, 2021). ↩
  14. Für eine repräsentative fachliche Kritik siehe das Rezensionssymposium in Cliodynamics 13 (2022) sowie Chris Knights ausführliche Kritik „Wrong About (Almost) Everything“, Focaal Blog (2021). Die Meinungsverschiedenheiten betreffen überwiegend die Deutung einzelner Fundstätten und die Frage, wie viel politische Absicht in den Befund hineinzulesen ist. ↩
  15. Fikret Berkes, Sacred Ecology: Traditional Ecological Knowledge and Resource Management, 4. Aufl. (New York: Routledge, 2018), versammelt das Fallmaterial zu tabugestütztem Ressourcenmanagement. ↩
Dramatis personae

Wer beteiligt war

  1. Fraktionen

    Ju/’hoansi

    formerly !Kung San · Nyae Nyae, Namibia and Botswana

    observed from the 1950s Mobile foragers of the Kalahari

    The inward threat, solved

    A hunter brings in a large animal and is met not with praise but with organised mockery: the meat is thin, the shot was lucky, the man is a fool. The insult is a mechanism: it stops a good hunter converting food into standing, and standing into power over the band. What looks like rudeness is a society that has identified its own failure mode and built a cultural immune system against it.

    Lee, The !Kung San (1979)

  2. Fraktionen

    The cultural-evolution school

    Boyd, Richerson, Henrich

    1985 – present Theorists of cultural group selection

    Practices are selected by their consequences

    Robert Boyd and Peter Richerson supplied the formal models; Joseph Henrich supplied the ethnographic and experimental case that they describe something real. Their claim is deliberately narrow, because the wide version of it was nineteenth-century race science: not that surviving cultures are superior, and not that their carriers differ biologically, but that norms spread and die by what they do to the groups carrying them, within centuries, by imitation and conquest, not by genes.

    Boyd & Richerson (2005) · Henrich, The Secret of Our Success (2016)

  3. Figuren

    Christopher Boehm

    1931 – 2021 Anthropologist of egalitarian behaviour

    Equality is enforced, not inherited

    Boehm read the whole ethnographic shelf and found the same apparatus everywhere: mockery, gossip, refusal to cooperate, shunning, and — for the man who will not stop — execution by consensus of the band. He called it the reverse dominance hierarchy, the many coordinating to suppress the ambitious few. The finding matters here because it makes forager equality an achievement rather than a symptom of poverty.

    Boehm, Hierarchy in the Forest (1999)

  4. Figuren

    Richard B. Lee

    b. 1937 Ethnographer of the Ju/’hoansi

    Against the starving-savage assumption

    Lee’s Kalahari fieldwork produced the twenty-hour working week that Marshall Sahlins turned into "the original affluent society", and the Christmas ox that the whole camp derided until Lee understood he was being taught something. His numbers have been argued about for fifty years, and the accounting was probably too generous. The finding that survives the argument is the one that matters: subsistence societies were not living at the edge of starvation by default.

    Lee, "Eating Christmas in the Kalahari" (1969)

  5. Figuren

    Lawrence H. Keeley

    1948 – 2017 Archaeologist of prehistoric war

    Prehistory was not peaceful

    Keeley’s charge was that his own profession had pacified the past: that excavators kept finding fortifications and calling them enclosures, finding arrowheads in ribcages and calling them grave goods. His per-capita violent death rates, an order of magnitude above modern states, were later carried far beyond his own caution by Steven Pinker. The counter-argument is not that he found nothing; it is about what his sample was made of.

    Keeley, War Before Civilization (1996)

  6. Figuren

    R. Brian Ferguson

    b. 1951 Anthropologist; critic of the war-in-our-nature thesis

    The sample is contaminated

    Ferguson’s objection is a sampling objection, and it is a serious one: most of the "primitive war" cases in the literature describe societies already deformed by contact: by slave raiding, by the fur trade, by guns arriving ahead of the anthropologists. Strip those out, he argues with Douglas Fry, and organised war appears in the deep record only where sedentism and storage do. Something worth taking has to exist before anyone organises to take it.

    Ferguson, "Pinker’s List" (2013) · Fry & Söderberg, Science 341 (2013)

  7. Figuren

    David Graeber & David Wengrow

    writing 2011 – 2021 Anthropologist and archaeologist

    Against the staircase

    Their target was the ladder every schoolchild is taught: band, tribe, chiefdom, state, each rung more complex, more unequal, and inevitable. Against it they set societies that built monuments and then walked away from hierarchy, cities with no palaces, and peoples who ran a chiefdom in one season and an assembly in the other. Specialists dispute many of their readings; the negative claim survives, and this chronicle needs only that one. Hierarchy was not the price of complexity. It was a decision.

    Graeber & Wengrow, The Dawn of Everything (2021)

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Die Inhalte sind belegt; Korrekturen sind willkommen.